Kinderunfälle: Tendenzen und Gefahren aus der Praxis
Ist
von Kindern als Unfallopfer die Rede, denkt fast jeder zuerst an den
Straßenverkehr. Dabei ereignen sich weit mehr Kinderunfälle
im häuslichen Bereich. Selbst die Zahl der tödlichen
Verletzungen in Heim und Freizeit ist inzwischen größer
als die 209 der im vergangenen Jahr im Straßenverkehr
getöteten Kinder. Rund 1,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren
verletzen sich in Deutschland bei einem Unfall so stark, dass sie
ärztlich behandelt werden müssen. Etwa die Hälfte
dieser Unfälle sind Sturzunfälle. Die meisten geschehen
zuhause und in der Freizeit.
Gefahren
erkennen und differenzieren
Besonders
gefährdet sind Kinder im Säuglingsalter. Säuglinge
stürzen beispielsweise häufig vom Wickeltisch. Oder sie
verunglücken mit der so genannten Lauflernhilfe,
einem Gestell mit Rollen, das oft folgenschwere Stürze
verursacht. Kleinkinder stürzen vom Kinderhochstuhl oder gar
aus dem Fenster.
Kindergartenkinder verletzen sich oft
beim Sturz von Rutschen auf Spielplätzen und aus dem Hochbett.
Auch Verletzungen durch Verbrühungen sind in diesem Alter
häufig, ebenso wie Abtrennungswunden, Vergiftungen und
Verletzungen der Extremitäten. Im Schulalter geschehen die
Unfälle meist beim Sport, mit dem Fahrrad oder mit
Inline-Skates, mit Feuer oder Wasser.
Auch regionale
Unterschiede bei der Art der Unfälle lassen sich feststellen.
So finden sich in Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte und
höheren Gebäuden eher Unfälle durch Fenstersturz oder
Hochbettsturz. In ländlichen Gebieten gewinnen andere
Verletzungsquellen wie zum Beispiel die Vergiftung mit
Melkmaschinenreiniger an Gewicht. In Gegenden mit zahlreichen
Einfamilienhäusern stellt wiederum die Lauflernhilfe
eine große Gefahrenquelle dar.
Auch der
körperliche Zustand eines Kindes beeinflusst die
Unfallwahrscheinlichkeit: Bewegungsmuffel und Stubenhocker haben
mehr Unfälle. Doch bei vielen Kindern scheinen heute Fernsehen
und Computerspiele höher im Kurs zu stehen als etwa
Fußballspiel und Gummitwist. Folgen des Bewegungsdefizits:
Mangelhaft geschulte körperliche Koordinationsfähigkeit
und eine große Anzahl stark übergewichtiger
Kinder.
Gefahren für Kinder vermeiden
Durch
gezielte und wirkungsvolle Prävention lassen sich
Unfallhäufigkeit und die Schwere der Verletzungen nachweislich
reduzieren. Erkenntnis um Gefahren ist der erste Schritt zur
Prävention. Dazu müssen die Unfalldaten genau erfasst
werden - unter Berücksichtigung lokaler Schwerpunkte und
Besonderheiten.
Manche Präventionsmaßnahmen
sind einfach und trotzdem effektiv. Ein Sturz vom Wickeltisch, ein
Unfall mit der Lauflernhilfe kann beispielsweise durch Aufklärung
und Schulung der Eltern wirksam vermieden werden.
Eine
zuverlässige epidemiologische Analyse der Unfallarten und
Unfallhäufigkeiten und deren Verteilung auf die
unterschiedlichen Altersgruppen wäre dringend geboten es
gibt sie in Deutschland bisher nicht.
Würden
ebenso viele Kinder, wie durch Unfälle zu Schaden kommen, an
einer Kinderkrankheit erkranken und jährlich gar 600 bis 800
junge Patienten daran sterben, würde wohl mit hohem Aufwand und
Akzeptanz in Medizin, Politik und Bevölkerung geforscht und
investiert, um eine Schutzimpfung zu ermöglichen. Bei Unfällen
ist die Sachlage vergleichbar: Prävention ist die Impfung
gegen Unfälle.
(Pressemitteilung zum GDV-Presseforum der Schaden- und Unfallversicherer vom 05.05.2004)